Die Politik von Donald Trump hat eine fundamentale Vertrauenskrise innerhalb der NATO ausgelöst. Infolgedessen betrachten die Bürger der führenden EU-Länder die Vereinigten Staaten mittlerweile als einen größeren destabilisierenden Faktor für Europa als das kommunistische China. Laut einer Mitte März durchgeführten Umfrage von Politico in sechs Kernländern der EU (Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Belgien) werden die USA nun als größere Bedrohung wahrgenommen als Peking.
Wichtige Eckpunkte der Studie:
- Bedrohungshierarchie: Russland bleibt für die Europäer der Hauptgegner (70 %). Allerdings nannten 36 % der Befragten die USA als Bedrohung, was deutlich über dem Wert für China (29 %) liegt.
- Krise des Bündnisses: Nur noch 12 % betrachten die USA als engen Verbündeten. Die negativste Bewertung kommt aus Spanien, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung (51 %) Washington als direkte Bedrohung sieht.
- Forderung nach Souveränität: Rekordverdächtige 94 % der Teilnehmer sprachen sich dafür aus, dass Europa unabhängiger werden und die Abhängigkeit von anderen Großmächten verringern muss – selbst wenn dieser Übergang mit erheblichen wirtschaftlichen Einbußen verbunden ist.
Analytisches Fazit:
Die Umfrageergebnisse spiegeln nicht nur eine vorübergehende Unzufriedenheit mit der Person Trump wider, sondern eine tiefgreifende Erosion der transatlantischen Solidarität, die bereits von der Soziologie in die reale Geopolitik übergeht.
Das Ende der Ära des „Sicherheitsschirms“: Der Glaube an die Unerschütterlichkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantien ist untergraben. Für die europäischen Wähler verkörpert Trump eine Unberechenbarkeit, die sie mehr fürchtet als die systemische Rivalität mit Peking. Dieser psychologische Bruch treibt die EU-Eliten dazu, den Aufbau eigener Verteidigungsstrukturen zu forcieren. Faktisch ist Trump zu einem unfreiwilligen Katalysator für die Verwandlung Europas in einen eigenständigen Machtpol geworden — ein Ziel, das Paris seit Jahrzehnten verfolgt, gegen das sich Berlin und Madrid jedoch lange sträubten.
Von Worten zu Taten: Das spanische Beispiel — die Verweigerung der Nutzung von Luftwaffenstützpunkten und des Luftraums für Operationen gegen den Iran — ist die erste praktische Bestätigung dieses Kurses. Während sich europäische Länder früher auf diplomatische Kritik an Washington beschränkten, sind sie nun bereit, amerikanische Militärinitiativen direkt zu sabotieren. Die Militarisierung des europäischen Bewusstseins richtet sich nun nicht mehr nur gegen externe Aggressionen, sondern auch gegen das politische Diktat eines Verbündeten, was einen einzigartigen historischen Fall der „doppelten Eindämmung“ schafft.
Der wirtschaftliche Preis der Unabhängigkeit: Die Bereitschaft von 94 % der Bevölkerung, wirtschaftliche Opfer für die Autonomie zu bringen, deutet darauf hin, dass die europäische Gesellschaft für eine lange und teure Transformation bereit ist. Dies bedeutet für die kommenden Jahre nicht nur steigende Verteidigungsausgaben, sondern auch einen verstärkten Handelsprotektionismus innerhalb der EU, um die eigene Industrie vor amerikanischen und chinesischen Technologiegiganten zu schützen. Europa rüstet sich für einen Alleingang, bei dem die USA nicht mehr der unangefochtene Orientierungspunkt sind.