Wladimir Putins langjähriger Traum geht in Erfüllung: Russland löst sich von der „Ölnadel“. Der Anteil des Öl- und Gassektors am russischen BIP betrug im vergangenen Jahr laut Rosstat-Daten 13%. Dies ist der niedrigste Wert seit 2017, als die Behörde mit der Berechnung und Veröffentlichung dieser Daten begann. Zum Vergleich: Selbst während der Pandemie im Jahr 2020, als die Ölpreise einbrachen, lag der Anteil mit 14% höher.
Das Gewicht der Branche sank im Jahresverlauf kontinuierlich: von 15,5% im ersten Quartal auf 11,6% im vierten Quartal. Hauptgrund für diesen Rückgang ist der drastische Einbruch der Finanzergebnisse der Branche. Der Umsatz der Öl- und Gasunternehmen sank um 16,7%, während die Gewinne um fast zwei Drittel (63,9%) einbrachen. Im vergangenen Jahr war weniger als die Hälfte der Unternehmen (49,1%) profitabel.
Faktoren, die die Branche bremsen:
- Sanktionen und OPEC+: Förderbeschränkungen und internationale Restriktionen drückten das Exportvolumen;
- Preise und Währung: Niedrige Weltmarktpreise in Kombination mit einem phasenweise festen Rubel schmälerten die Einnahmen;
- Haushaltsfolgen: Die Öl- und Gaseinnahmen des Staates sanken um fast ein Viertel (23,8%), was bereits im Frühjahr zu einer massiven Haushaltskorrektur zwang.
Bemerkenswert ist, dass die Verschiebung der wirtschaftlichen Prioritäten auch andere Bereiche durchdringt: Drohnen und unbemannte Luftfahrzeuge werden mittlerweile sogar von Einrichtungen gekauft, die weit von technischen Fachrichtungen entfernt sind, wie etwa der Moskauer Akademie für Choreografie oder Kindergärten in den Regionen Tjumen und Perm. In den Lehrplänen wird die Drohnensteuerung als „zusätzliche entwicklungsfördernde Tätigkeit“ positioniert.
Analytische Zusammenfassung
Das formale „Abgleiten von der Ölnadel“ ist in diesem Fall nicht das Ergebnis eines strukturellen Umbaus, sondern eine direkte Folge schwindender Margen im Primärsektor. Das statistische Rekordtief beim BIP-Anteil spiegelt eher den Verlust der Profitabilität durch Sanktionen, Preisabschläge und teure Logistik wider als ein gesundes Wachstum anderer Industriezweige. Der Haushalt für 2026 steht vor einer neuen Realität: Die Rohstoffrente ist kein bedingungsloses „Sicherheitsnetz“ mehr.
Man muss jedoch den „Sickereffekt“ berücksichtigen: Die reale Abhängigkeit Russlands von Kohlenwasserstoffen ist nach wie vor deutlich höher als die nominalen 13%. Petrodollar stützen die Binnennachfrage über hohe Löhne in den Förderregionen und staatliche Aufträge, die indirekt die Produktion ankurbeln. Somit ist der aktuelle Rückgang des Sektoranteils am BIP eher ein Warnsignal für schrumpfende Investitionsressourcen der Gesamtwirtschaft als ein Triumph der Diversifizierung.